EUROGI-Rundtischgespräch auf der GISTAM 2026: Die Zukunft der Geodaten in Europa gestalten
Zilmil Bordoloi, 28.7.2026
Ich hatte die Ehre, die SOGI (Schweizerische Organisation für Geoinformation) sowie die Stadt Luzern am EUROGI-Roundtable während der GISTAM-2026-Konferenz in Benidorm zu vertreten. Dabei konnte ich die Schweizer Perspektive in die Diskussion über die Zukunft der europäischen Geoinformationslandschaft einbringen und gleichzeitig wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung des Geoinformationswesens in der Schweiz mitnehmen. Die Diskussion brachte führende Fachleute aus nationalen Vermessungsbehörden, der Wissenschaft, den Gemeinden und europäischen Institutionen zusammen, um die Zukunft des europäischen Geoinformationsökosystems zu erörtern.
Im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion standen fünf zentrale Themen, welche die Branche prägen: die Weiterentwicklung und Vereinfachung des INSPIRE-Rahmens, die wachsende Rolle von GeoAI in der Geoinformationspraxis, europäische Datenräume und digitale Souveränität, der praktische Nutzen digitaler Zwillinge für öffentliche Entscheidungsprozesse sowie die künftigen Kompetenzen in den Bereichen Erdbeobachtung, Data Cubes und Geoinformation. Eine gemeinsame Botschaft der Diskussion war, dass Europa sich von der reinen Erfassung und Harmonisierung räumlicher Daten hin zur Nutzung vertrauenswürdiger, KI-gestützter Geoinformationsintelligenz entwickelt, um evidenzbasierte Politik sowie operative Entscheidungsprozesse zu unterstützen.
Die Diskussionsteilnehmenden waren sich einig, dass der technologische Fortschritt zwar rasant voranschreitet, der Erfolg jedoch ebenso von einer starken Governance, Interoperabilität, qualifizierten Fachkräften und der Zusammenarbeit auf allen staatlichen Ebenen abhängen wird. Der Roundtable unterstrich die Bedeutung eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen Offenheit und Datensouveränität, der Sicherstellung von Transparenz beim Einsatz von KI sowie von Investitionen in Menschen und institutionelle Kapazitäten, damit fortschrittliche Geoinformationstechnologien in ganz Europa einen konkreten öffentlichen Mehrwert schaffen können.
Aus Schweizer Sicht war besonders interessant, dass viele der diskutierten Herausforderungen und Chancen auch für die Schweiz von hoher Relevanz sind. Themen wie Interoperabilität, vertrauenswürdige Datennutzung, digitale Zwillinge, GeoAI sowie die Verbindung von nationalen und lokalen Geodatenstrategien beschäftigen auch Schweizer Behörden, Städte und Fachorganisationen. Die Diskussion zeigte, dass die Schweiz aufgrund ihrer etablierten Geodateninfrastrukturen und ihrer föderalen Zusammenarbeit wertvolle Erfahrungen in den europäischen Austausch einbringen kann.

Europas georäumliche Zukunft: Zentrale Erkenntnisse des EUROGI-Roundtables an der GISTAM 2026
An der GISTAM 2026 brachte die Europäische Dachorganisation für Geoinformation (EUROGI) führende Expertinnen und Experten aus Verwaltung, Wissenschaft und kommunalen Behörden zusammen, um über die Zukunft der europäischen Geoinformationslandschaft zu diskutieren. Unter der Moderation von EUROGI-Präsident Alejandro Guinea de Salas nahmen Vertreterinnen und Vertreter des spanischen Nationalen Zentrums für Geoinformation (CNIG), der Universität Maribor, der Aberystwyth University sowie der SOGI (Schweizerische Organisation für Geoinformation) und der Stadt Luzern an der Podiumsdiskussion teil.
Die Diskussion behandelte fünf miteinander verknüpfte Themen: die Zukunft des INSPIRE-Rahmens, die Auswirkungen von GeoAI, europäische Datenräume und digitale Souveränität, digitale Zwillinge für öffentliche Entscheidungsprozesse sowie die Kompetenzen, welche die nächste Generation von Geoinformationsfachleuten prägen werden.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Diskussion war, dass Europa in eine neue Phase der georäumlichen Entwicklung eintritt. Anstatt sich primär auf die Erfassung, Harmonisierung und Veröffentlichung von Daten zu konzentrieren, verlagert sich der Fokus zunehmend auf die Nutzung von Geoinformationen als operative Entscheidungsgrundlage. Das Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz, Erdbeobachtung, interoperablen Datenökosystemen, digitalen Zwillingen und souveränen Cloud-Infrastrukturen dürfte in den kommenden fünf Jahren zu den prägenden Entwicklungen gehören. Gemeinsam besitzen diese Technologien das Potenzial, die Art und Weise grundlegend zu verändern, wie Regierungen Umweltveränderungen überwachen, auf Krisen reagieren und langfristige gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen.
Die Podiumsteilnehmenden befassten sich zudem mit der Weiterentwicklung des INSPIRE-Rahmens. Obwohl Interoperabilität weiterhin zu den grössten Stärken Europas zählt, bestand breite Einigkeit darüber, dass sich künftige Geoinformationsrahmen weniger auf regulatorische Komplexität und stärker auf die praktische Anwendbarkeit konzentrieren sollten. Erfolg sollte nicht allein an der Einhaltung technischer Spezifikationen gemessen werden, sondern daran, wie einfach Städte, regionale Behörden und nationale Institutionen auf Geoinformationen zugreifen, diese integrieren und in alltäglichen Entscheidungsprozessen einsetzen können.
Für die Schweiz sind diese Entwicklungen besonders relevant, da wir eng vernetzt sind mit den europäischen Geoinformationsökosystemen. Fragen der Interoperabilität, der Datenharmonisierung und der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit betreffen zahlreiche Fachbereiche direkt. Die Diskussion bestätigte, dass die Schweiz mit ihren bewährten Geodatenstrukturen, ihrer starken kommunalen und kantonalen Verankerung sowie ihren Erfahrungen im Umgang mit föderalen Datenlandschaften einen wichtigen Beitrag zur europäischen Geoinformationsgemeinschaft leisten kann.
Auch die Investitionsprioritäten wurden intensiv diskutiert. Obwohl Standards, Infrastrukturen und KI-Kompetenzen weiterhin von zentraler Bedeutung sind, bestand Konsens darüber, dass der Mensch an erster Stelle stehen sollte. Der Aufbau institutioneller Kapazitäten, die Stärkung interdisziplinärer Kompetenzen in den Bereichen Geoinformation und künstliche Intelligenz sowie die Förderung kontinuierlicher beruflicher Weiterbildung wurden als Grundlage sämtlicher technologischer Fortschritte betrachtet. Ohne qualifizierte Fachkräfte, die zunehmend komplexe digitale Ökosysteme steuern können, wird selbst die modernste Infrastruktur keinen nachhaltigen öffentlichen Mehrwert schaffen.
Ein weiteres wiederkehrendes Thema war Europas Fähigkeit, Offenheit mit Souveränität in Einklang zu bringen. Die Diskussionsteilnehmenden waren sich einig, dass Interoperabilität und offene Standards unverzichtbar bleiben, um grenzüberschreitende Herausforderungen wie Klimaanpassung, Umweltschutz und Katastrophenmanagement zu bewältigen. Gleichzeitig haben geopolitische Entwicklungen und die zunehmende Abhängigkeit von externen digitalen Plattformen die Bedeutung von Resilienz und strategischer Autonomie erhöht. Anstatt Offenheit und Souveränität als gegensätzliche Ziele zu betrachten, wurde die Notwendigkeit vertrauenswürdiger Datenökosysteme hervorgehoben, die offene Standards mit sicherer Governance, transparenter künstlicher Intelligenz und einer stärkeren öffentlichen Kontrolle über kritische digitale Infrastrukturen verbinden.
Auch die zukünftigen Anforderungen an Fachkräfte standen im Mittelpunkt der Diskussion. Bis zum Ende des Jahrzehnts wird sich das Berufsbild im Geoinformationsbereich weit über die klassische GIS-Expertise hinaus entwickeln. Fachpersonen werden zunehmend Kompetenzen in den Bereichen cloud-native Geodatenverarbeitung, GeoAI, Data Engineering, Interoperabilität, Governance und digitale Ethik benötigen. Ebenso wichtig wird die Fähigkeit sein, komplexe technische Analysen in verständliche Informationen zu übersetzen, welche politische, planerische und operative Entscheidungen unterstützen. Systemisches Denken und interdisziplinäre Zusammenarbeit werden unverzichtbar, da Geoinformationstechnologien zunehmend in Bereiche wie Verkehr, Energie, Klimaresilienz und Stadtentwicklung integriert werden.
Die Podiumsdiskussion unterschied zudem zwischen Technologien, die bereits heute einen operativen Mehrwert liefern, und solchen, die sich noch in einem früheren Entwicklungsstadium befinden. Cloud-native Geoinformationsinfrastrukturen, Erdbeobachtungsdienste, API-basierte Datenökosysteme und KI-gestützte Bildanalysen verändern bereits heute das Umweltmonitoring und das Infrastrukturmanagement. Demgegenüber bieten prädiktive GeoAI, vollständig einsatzfähige digitale Zwillinge auf Stadtebene sowie nahtlos integrierte europäische Datenräume über verschiedene Sektoren hinweg ein enormes Potenzial, stehen jedoch weiterhin vor Herausforderungen in den Bereichen Governance, Interoperabilität, organisatorische Reife und Erklärbarkeit.
Während der gesamten Sitzung wurde eine zentrale Botschaft deutlich: Nicht die Technologie allein wird Europas georäumliche Zukunft bestimmen. Der Fortschritt wird ebenso von Governance, Zusammenarbeit, institutionellen Kapazitäten und öffentlichem Vertrauen abhängen. Da Geoinformationen für Umweltpolitik, Klimaanpassung und digitale Transformation eine immer wichtigere Rolle spielen, bietet sich Europa die Chance, ein Ökosystem aufzubauen, das Innovation mit Transparenz, Interoperabilität mit Resilienz sowie Offenheit mit strategischer Souveränität verbindet.
Der EUROGI-Roundtable zeigte, dass sich die europäische Geoinformationsgemeinschaft von einem datenorientierten Management hin zu einer intelligenten, entscheidungsunterstützenden Nutzung von Geoinformation entwickelt. Für die Schweiz bietet diese Entwicklung eine wichtige Gelegenheit, ihre Stärken in den Bereichen Geodatenmanagement, föderale Zusammenarbeit und praxisorientierte Innovation aktiv in die europäische Diskussion einzubringen. Der Austausch in Benidorm machte deutlich, dass die zukünftigen Herausforderungen nicht isoliert auf nationaler Ebene gelöst werden können. Gelingt es Europa und der Schweiz, technologische Innovation mit Investitionen in Menschen, gemeinsame Standards und vertrauenswürdige öffentliche Institutionen zu verbinden, könnte das kommende Jahrzehnt einen bedeutenden Fortschritt darin markieren, wie Geoinformationen nachhaltige Entwicklung, evidenzbasierte Politikgestaltung und resiliente öffentliche Dienstleistungen unterstützen.
